Hintergründe zum gemeinschaftlichen Wohnen – Teil 3

Beim 4. CIAM Kongress (hier unterwegs im Schiff zwischen Marseille und Athen) wurde die Charta von Athen erarbeitet, welche die Funktionstrennung zwischen Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Verkehr forderte. Quelle: gta Archiv / ETH Zürich.

Gastbeiträge zur Geschichte des gemeinschaftlichen Wohnen
Susanne Schmid ist Partnerin bei Bürgi Schärer Architekten in Bern, sowie Autorin und Mitherausgeberin der Publikation «Eine Geschichte des gemeinschaftlichen Wohnens». Sie hat für uns einen Abriss dieser Geschichte in fünf Beiträgen mit ausgewählten Beispielen geschrieben:

Teil 1 Historische Einordnung: Wie kollektive Wohnformen mit der industriellen Revolution zur Ausnahme wurden
Teil 2 Ökonomische Intentionen: Frauenwohnkolonien und Einküchenhäuser
Teil 3 Politische Intentionen: Architekten planen Gemeinschaft
Teil 4 Soziale Intentionen: Selbstorganisiertes Wohnen für neue Lebensformen
Teil 5 Ausblick: Warmbächli und andere neue Projekte

Danke vielmals Susanne für deine Inputs und deine Forschung zum Thema!

Politische folgen auf ökonomische Intentionen für gemeinschaftliche Wohnmodelle

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es eine vielseitige Palette an gemeinschaftlichen Wohnmodellen. Dabei basierten die Ledigen-, Boarding- sowie Einküchenhäuser mehrheitlich auf ökonomischen Intentionen. Ziel war nicht, gemeinschaftlich zu Wohnen, sondern durch einen Zusammenschluss bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und die Haushaltsarbeiten zu kollektivieren. Mit den Gartenstädten und Wohnhöfen lief anfänglich parallel dazu auch die Entwicklungslinie von gemeinschaftlichen Wohnmodellen, welche die politische Intention beförderten. Aufgrund dem Erstarken der sozialistischen und sozialdemokratischen Bewegung im frühen 20. Jahrhundert galt das Ziel, die Entproletarisierung und Besserstellung der Arbeiterschaft zu bewirken sowie die Kernfamilie zu stärken und diese in der Gesellschaft zu festigen. Die Entwicklungsphase der politischen Intention lief mit den Gemeinschaftssiedlungen und den Wohnkooperationen auch nach dem Zweiten Weltkrieg weiter und kann bis in die 1980er Jahre verortet werden.

Bei den Gartenstädten und Wohnhöfe wurde der Hof als Aussenwohnraum entdeckt, wie hier bei der Hufeisensiedlung Britz in Berlin. Quelle: ullstein bild – Schnellbacher.

Grundprinzip dieser Wohnmodelle waren abgeschlossene und selbständig funktionierende Wohnräume für jede Familie, die durch gemeinschaftliche Folgeeinrichtungen ergänzt wurden. Geteilt wurden Einrichtungen wie Zentralwäschereien, Kinderkrippen, Gemeindezentren oder Versammlungsräume, wichtigster gemeinschaftlicher Raum hingegen war die Erschliessungsflächen und die Aussenfläche, die als Vorgarten, Hof oder Platz erstmals Nutzungen wie Selbstversorgung und Freizeitgestaltung zuliessen. Nach dem Zweiten Werkkrieg und einem verstärkten Rückzug in die Privatheit wurden jedoch oft Gemeinschaftsräume ohne Beteiligung der Bewohnerschaft initiiert und inszeniert. Neue Wohnformen für andere Nutzergruppen als die Kernfamilie wurden in dieser Phase kaum realisiert.

Das Wohnhochhaus Conjunto in Berlin

Ein abgelöster Erschliessungskern bedient beim Wohnhochhaus Conjunto in Berlin das Freigeschoss im 5. OG. Quelle: Landesarchiv Berlin.

Das von Oscar Niemeyer erbaute Wohnhochhaus, erstellt im Jahr 1957 im Rahmen der IBA Berlin im Hansa Viertel, ist ein klassischer Vertreter der Gemeinschaftssiedlungen. Diese waren geprägt vom Wiederaufbau in den Nachkriegsjahren. Politische Strömungen förderten nach dem Zweiten Weltkrieg einen gesellschaftlichen Rückzug in familiäre Strukturen und in die Privatheit der Familienwohnung. Dieses Klima führte zu eine Wohnbaupolitik, die vorwiegend funktionale Drei- und Vierzimmerwohnungen für Familien schuf. Die wenigen Wohnobjekte, die in dieser Zeit noch als Gemeinschaftssiedlungen realisiert wurden, bedienten sich zudem den architektonischen Ideologien der Zwischenkriegsjahre. Dabei galt das CIAM-Manifest Charta von Athen als richtungsweisend, in dem es die funktionale Entflechtung von Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Verkehr forderte. In der Phase der politischen Intention blieben die Wohnmodelle übrigens weiterhin grossmehrheitlich paternalistisch geplant und organisiert.

Das Freigeschoss beim Wohnhochhaus Conjunto blieb grösstenteils leer und unbenutzt. Quelle: Ulrich Greiner.
Die räumliche Anbindung an das Freigeschoss war zwar von den Wohnungen im 5.OG sehr unmittelbar, von den restlichen Wohnungen jedoch nur über die tageslichtlosen Erschliessungskernen gegeben. Quelle: Eine Geschichte des gemeinschaftlichen Wohnens.

Mit der IBA Berlin im Jahr 1957 wurde denn auch von einer Architektur-Avantgarde neue Wohnkonzepte für das Zusammenleben der modernen Familie erprobt. Dabei kamen oft kollektive Erschliessungsflächen zum Tragen. Wie beim Wohnhochhaus Conjunto, das mit einem Freigeschoss versucht, der Bewohnerschaft eine Plattform für den gemeinschaftlichen Austausch zu geben. Die Überlegungen von Oscar Niemeyer (wie übrigens auch diejenigen von Le Corbusier) gehen zurück auf die Entwürfe der Kommunehäuser der Russischen Avantgarde, die mit rue intérieurs, Laubengängen oder Dachterrassen die Privatwohnung an das Gemeinschaftsleben knüpften. Oft wurde jedoch in der Weiterentwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg der Gestaltung und der räumlichen Anbindung des Freigeschosses zu wenig Beachtung geschenkt. So auch beim Wohnhochhaus Conjunto. Es entwickelte sich von Anfang an nie ein Gemeinschaftsleben. Die Gründe dafür liegen unter anderem in der fehlenden Möblierung, da die Verwaltung der IBA die Einrichtung nach der Ausstellung wieder entfernen liess. Ein anderer Grund war wohl, dass das Freigeschoss ein zu undefinierter Raum war, der von den anderen Geschossen nur mit einer sehr knapp bemessenen internen Erschliessung ohne Tageslicht erreicht werden konnte.

Die Siedlung Overvecht-Noord in Utrecht

Mit den Stockwerkshallen konnte bei der Siedlung Overvecht-Noord ein gemeinschaftlicher Raum angeboten werden, der sich die Bewohnerschaft sehr rasch aneignete.
Quelle: Erwin Mühlestein.

Aus der Kritik der Gemeinschaftssiedlungen und dem Geist des Aufbruchs und der Emanzipation der späten 1960er-Jahren entwickelte sich das gemeinschaftliche Wohnmodell der Wohnkooperationen, die langsam auch selbstorganisierte Wohnobjekte hervorbrachten. Der Wertewandel zeigte sich auch in einem divergierenden Begriffsverständnis. Es wurde von alternativen und neuen Wohnformen gesprochen, oder aber vom kollektiven und kommunikativen Wohnen wie auch vom Co-Housing. Eines hatten die Wohnobjekte der Phase Wohnkooperationen jedoch gemeinsam: Sie richteten sich nach wie vor auf Familienwohnen aus. Die Kernfamilie wurde noch nicht in Frage gestellt, vielmehr öffnete sie sich hin zur Gesellschaft, wie das Beispiel der Siedlung Overvecht-Noord aufzeigt. Bei der 1971 fertiggestellten Siedlung wurden als erweiterte und gemeinschaftliche nutzbare Erschliessungsfläche sogenannte Stockwerkhallen initiiert, denen jeweils vier Familienwohnungen vorgelagert waren. Die Stockwerkhallen hatten durch die räumliche Anbindung einen persönlichen Bezug zur Bewohnerschaft und bildeten eine Zone zwischen Treppenhaus und privater Wohnung. So bildete sich in Absprachen etagenübergreifende Nutzungen wie Caféstuben oder Werkstätten. Weiter dienten die Stockwerkhallen als Kinderspielzimmer, gemeinschaftlicher Essraum oder als Bibliothek.

Die Bewohnerschaft gestaltete etagenweise unterschiedliche Nutzungen in den Stockwerkhallen. Quelle: Erwin Mühlestein.
Die Stockwerkhallen waren jeweils vier Wohnungen zugewiesen und dienten als Filter zwischen öffentlichen und privaten Raum. Quelle: Eine Geschichte des gemeinschaftlichen Wohnens.

Architektur als Spiegel der gesellschaftlichen Zuordnung der Geschlechterrollen

Anhand Wohnmodellen und deren Grundrissgestaltung lassen sich gesellschaftliche Muster ablesen, dies zeigen insbesondere auch die gemeinschaftlichen Wohnobjekte aus der Phase der politischen Intention. Die mit Freigeschossen oder erweiterten Erschliessungsbereichen geschaffenen gemeinschaftlichen Räumen vergrösserten zwar den Radius der privaten Familienwohnung. Experten sprechen jedoch in dieser Epoche oft von einer dreifachen Isolation der Frau (insbesondere der Hausfrau): Diejenige am Stadtrand in einem Neubauquartier, diejenige in der Familienwohnung und schliesslich die Isolation in der kleinen funktional eingerichteten Arbeitsküche. Diese Erkenntnis und weitere gesellschaftliche Entwicklungen, die zu einer Öffnung der Kernfamilie hin zu freieren Haushalts- und Lebensformen führte, beförderte denn auch die soziale Intention des gemeinschaftlichen Wohnens, die vorerst letzte Intention in der Geschichte des gemeinschaftlichen Wohnens.

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